Das Bun­des­gericht hat mit Urteil vom 10. Novem­ber 2009 (1B_162/2009) seine Recht­sprechung zu Ersatz­mass­nah­men anstelle ein­er Haft, die nach der konkreten Ein­griff­s­in­ten­sität dif­feren­ziert, bestätigt.

Über Pass- und Schriftensper­ren sowie polizeiliche Meldepflicht­en, die mildere Ersatz­mass­nah­men für eine straf­prozes­sualer Haft darstellen, mit denen ein­er gewis­sen Flucht­nei­gung des in Frei­heit gelasse­nen Beschuldigten vorge­beugt wer­den soll (vgl. auch BGE 130 I 234 E. 2.2 S. 236), heisst es im Urteil:

4. […] Die betr­e­f­fend­en Zwangs­mass­nah­men wer­den zwar im BStP nicht aus­drück­lich erwäh­nt. Da sie die per­sön­liche Frei­heit weniger stark ein­schränken als die im Gesetz geregelte Frei­heit­sentziehung, beste­ht für die fraglichen Ersatz­mass­nah­men jedoch (im Sinne von Art. 36 Abs. 1 BV) eine genü­gende geset­zliche Grund­lage. Sie set­zen hin­re­ichende Haft­gründe voraus, müssen ver­hält­nis­mäs­sig sein und kön­nen einzeln oder (soweit sach­lich geboten) auch kumuliert ange­ord­net wer­den (BGE 133 I 27 E. 3.2 S. 29 f., E. 3.3 S. 30, E. 3.4 S. 31 f., E. 3.5 S. 32, je mit Hin­weisen).

Das Gericht hält fest, dass bei blossen Hafter­satz­mass­nah­men an den Nach­weis ein­er hin­re­ichen­den Flucht­nei­gung grund­sät­zlich weniger hohe Anforderun­gen zu stellen sind als bei ein­er Unter­suchung­shaft (so schon BGE 133 I 27 E. 3.3 S. 31; Urteile 1B_139/2007 vom 17. Dezem­ber 2007 E. 5.1):

5. […] Falls die Ein­griff­s­in­ten­sität sinkt, ist an den Nach­weis von “Fluchtver­dacht” im Sinne von Art. 44 Ziff. 1 und Art. 53 BStP in der Regel ein weniger strenger Massstab anzule­gen. Unter­suchung­shaft stellt jeden­falls eine deut­lich schär­fere Zwangs­mass­nahme dar als blosse Ersatz­mass­nah­men für Haft wie Pass- und Schriftensper­ren oder Meldepflicht­en. Insofern haben für den straf­prozes­sualen Frei­heit­sentzug auch unter dem Gesicht­spunkt der Haft­gründe qual­i­fizierte Anforderun­gen zu gel­ten. Die Ansicht des Beschw­erde­führers, die Anord­nung von blossen Ersatz­mass­nah­men für Haft ver­lange stets die gle­ich hohe Inten­sität der Flucht­nei­gung wie die Anord­nung von Haft, liesse sich mit dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mäs­sigkeit (Art. 36 Abs. 3 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 BV) kaum vere­in­baren; sie liefe prak­tisch darauf hin­aus, dass bei Flucht­ge­fahr keine milderen Ersatz­mass­nah­men anstelle von Haft mehr ver­fügt wer­den kön­nten.

Juana Vasella

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RA Dr. Juana Vasella ist Habilitandin, Oberassistentin und Lehrbeauftragte an der Universität Luzern sowie Co-Direktorin der Kompetenzstelle für Logistik- und Transportrecht KOLT. Daneben ist sie als Konsulentin für MME Legal | Tax | Compliance tätig. Zuvor hat Juana Vasella an der TU Dresden, der Universität Zürich und der Bucerius Law School sowie bei CMS von Erlach Poncet AG gearbeitet.