Das Bun­des­gericht äusserte sich in diesem Ver­fahren im Zusam­men­hang mit der Pflicht von Anwäl­ten, Inter­essenkon­flik­te zu ver­mei­den, zu den soge­nan­nten “Chi­nese Walls” in Anwalt­skan­zleien. Es erwog, dass bei einem Kan­zlei­wech­sel eines Anwalts dessen neue Kan­zlei die Man­date nieder­legen muss, an denen der Anwalt in der früheren Kan­zlei mit­gewirkt hat­te. “Chi­nese Walls” bieten gemäss Bun­des­gericht keinen hin­re­ichen­den Schutz vor Inter­essenkon­flik­ten.

Dem Ver­fahren lag zusam­menge­fasst fol­gen­der Sachver­halt zugrunde: Die A GmbH reichte, vertreten durch die Anwälte B und C der Anwalt­skan­zlei E, eine Strafanzeige gegen einen ehe­ma­li­gen Mitar­beit­er ein. Der Mitar­beit­er liess sich durch die Anwalt­skan­zlei F vertreten. Im Zeit­punkt der Man­datierung der Anwalt­skan­zlei F (14. Jan­u­ar 2015) war Anwalt G, ein Fachan­walt SAV für Arbeit­srecht, bei dieser Kan­zlei angestellt. Anwalt G erhielt — was unbe­strit­ten war — im Zuge sein­er Tätigkeit in der Kan­zlei F Ken­nt­nis vom Dossier betr­e­f­fend den ehe­ma­li­gen Mitar­beit­er der A GmbH. Im Feb­ru­ar 2017 wech­selte Anwalt G von der Anwalt­skan­zlei F zur Anwalt­skan­zlei E (E. A).

Der ehe­ma­lige Mitar­beit­er beantragte, mit­tler­weile durch einen neuen Anwalt vertreten, das Min­istère pub­lic de l’arrondissement de la Côte solle den Anwälte B und C die Vertre­tung der A GmbH ver­bi­eten, da inner­halb der Anwalt­skan­zlei E mit dem Beitritt von Anwalt G ein Inter­essenkon­flikt beste­he. Nach­dem das Min­istère pub­lic den Antrag ablehnte, ver­bot die Cham­bre des recours pénale des Tri­bunal can­ton­al vau­dois auf Rekurs hin den Anwäl­ten B und C sowie/oder sämtlichen anderen, bei der Anwalt­skan­zlei E täti­gen Anwäl­ten, die A GmbH im Rah­men des Strafver­fahrens zu berat­en und/oder zu vertreten.

Das Bun­des­gericht wies die von der A GmbH sowie den Anwäl­ten B und C erhobene Beschw­erde ab.

Es rief zunächst seine Recht­sprechung im Zusam­men­hang mit dieser “règle car­di­nale” des Anwalts­berufs in Erin­nerung. Ins­beson­dere erin­nerte es daran, dass die Pflicht eines Anwalts, Inter­essenkon­flik­te zu ver­mei­den (Art. 12 lit. c BGFA), dem Schutz der Inter­essen des Klien­ten des Anwalts dient. Gle­ichzeit­ig soll diese Beruf­spflicht helfen, das Funk­tion­ieren der Recht­spflege sicherzustellen. Dabei wies das Bun­des­gericht auf die von ihm entwick­el­ten Kri­te­rien hin, anhand welch­er geprüft werde, ob im konkreten Einzelfall ein Inter­essenkon­flikt vor­liegt (E. 2.1). Sodann erin­nerte das Bun­des­gericht daran, dass sich die Unfähigkeit eines Anwalts, jeman­den zu vertreten, auch auf seine Part­ner der­sel­ben Kan­zlei erstreckt. Der per­sön­liche Inter­essenkon­flikt eines Anwalts erfasst, so gemäss Recht­sprechung des Bun­des­gerichts, auch die Kan­zlei- oder Büro­ge­mein­schaft in ihrer Gesamtheit und damit sämtliche, in dieser Kan­zlei- oder Büro­ge­mein­schaft täti­gen Anwälte. Dies gilt unab­hängig vom Sta­tus des Anwalts (Part­ner oder Mitar­beit­er) und der Schwierigkeit­en, mit welchen Kan­zleien bes­timmter Grösse bei der Ein­hal­tung dieser sich aus den anwaltlichen Beruf­s­regeln ergeben­den Anforderun­gen kon­fron­tiert sind (E. 2.2).

Das Bun­des­gericht weist sodann auf die in der Lehre herrschen­den unter­schiedlichen Ansicht­en hin, wie mit Inter­essenkon­flik­ten zu ver­fahren ist, welche im Zusam­men­hang mit dem Wech­sel eines als Mitar­beit­er angestell­ten Anwalts auftreten (E. 2.2). Es schloss sich der Mehrheitsmei­n­ung an, wonach bei Auftreten von Inter­essenkon­flik­ten auf­grund des Kan­zlei­wech­sels eines Anwalts die neue Kan­zlei das Man­dat niederzulege habe (E: 2.3):

(…) la con­nais­sance par le col­lab­o­ra­teur en rai­son de son précé­dent emploi d’un dossier traité par le nou­v­el employeur con­stitue l’élément déter­mi­nant pour retenir la réal­i­sa­tion d’un con­flit d’intérêts con­cret qui doit être évité, ce que per­met la résil­i­a­tion du man­dat par le sec­ond.

Diese Grund­sätze recht­fer­ti­gen, so das Bun­des­gericht, das Ver­bot für die Anwälte B und C sowie sämtlich­er weit­eren, für die Anwalt­skan­zlei E täti­gen Anwälte, die Inter­essen der A GmbH zu vertreten. Dies ins­b­son­dere vor dem Hin­ter­grund, dass die juris­tis­chen Ver­fahren gegen den ehe­ma­li­gen Mitar­beit­er der A GmbH noch am Laufen seien und somit das Risiko, dass ver­trauliche Dat­en gegen den Mitar­beit­er ver­wen­det wer­den kön­nten, nicht bloss the­o­retis­ch­er Natur, son­dern ganz konkret sei (E. 2.3).

Kein Gehör fand das Bun­des­gericht für das von den Beschw­erde­führerin vorge­brachte Argu­ment, wonach die Anwalt­skan­zlei E interne Mass­nah­men ergrif­f­en hätte, um den Zugang von Anwalt G auf das Dossier den ehe­ma­li­gen Mitar­beit­er der A GmbH betr­e­f­fend zu ver­hin­dern (“Chi­nese Walls”). Solche Bar­ri­eren oder Abschot­tun­gen seien, so das Bun­des­gericht, generell ungeeignet, die sich im Zusam­men­hang mit Inter­essenkon­flik­ten beste­hen­den Prob­leme zu ver­hin­dern, vor allem weil sie nicht sämtlichen, z.B. mündlichen Aus­tausch zwis­chen den Anwäl­ten der­sel­ben Kan­zlei ver­hin­dern kön­nten (E. 2.4):

En effet, les bar­rières ou cloi­son­nements qui peu­vent, le cas échéant, être mis en place dans la nou­velle étude (“chi­nese walls”) sont générale­ment impro­pres à éviter les prob­lé­ma­tiques liées à l’existence de con­flits d’intérêts, faute en par­ti­c­uli­er de pou­voir empêch­er tout échange, par exem­ple oral, entre les avo­cats d’une même étude (…).

Dabei schloss sich das Bun­des­gericht ins­beson­dere der Ansicht von Chap­puis an, der die interne Organ­i­sa­tion der Kan­zlei nach Tätigkeits­ge­bi­eten und die Aufteilung der Anwälte gemäss deren Spezial­i­sa­tion als kün­stlich (“arti­fi­cielle”) und rein kos­metis­ch­er Natur (“pure­ment cos­mé­tique”) beze­ich­net (E. 2.4).

Zweifel­haft war für das Bun­des­gericht sodann, dass der Wille der neuen Anwalt­skan­zlei und Arbeit­ge­berin von Anwalt G, diesen nicht bei einem Man­dat mitwirken zu lassen, in dessen Zusam­men­hang er bere­its bei seinem früheren Arbeit­ge­ber tätig war, die für den Schutz vor Inter­essenkon­flik­ten notwendi­gen Garantien ver­schafft. Ohne die Integrität der involvierten Anwälte in Frage stellen zu wollen, ver­wies das Bun­des­gericht dabei ins­beson­dere auf das vom Betrof­fe­nen getra­gene Risiko, dass von ihm gegenüber der früheren Kan­zlei offen­gelegte ver­trauliche Infor­ma­tio­nen gegen ihn ver­wen­det wer­den kön­nten. Der Betrof­fene könne denn auch, so das Bun­des­gericht, gar nicht über­prüfen, ob die neue Anwalt­skan­zlei und/oder deren angestell­ter Anwalt die beruf­s­rechtlichen Verpflich­tun­gen ein­hal­ten (E. 2.4).

Dem Bun­des­gericht war bewusst, dass die von ihm vertretene Ansicht schw­er­wiegende Fol­gen haben könne und ins­beson­dere das Recht der A GmbH auf Rechts­bei­s­tand gemäss Art. 127 Abs. 1 StPO ein­schränke. Eben­so anerkan­nte das Bun­des­gericht, dass sich durch diesen Entscheid Fol­gen für den Umfang von Über­prü­fun­gen und/oder Ein­schränkun­gen bei der Anstel­lung von Anwäl­ten ergeben kön­nten. Diese Ein­schränkun­gen seien indessen auf­grund der Wichtigkeit des Ver­bots von Inter­essenkon­flik­ten, welch­es eben­falls dem Funk­tion­ieren der Recht­spflege diene, gerecht­fer­tigt (E. 2.5):

Certes, la solu­tion retenue — oblig­a­tion de met­tre un terme au man­dat, respec­tive­ment inter­dic­tion de plaider — peut paraître sévère. (…)
Cela étant, elle se jus­ti­fie eu égard à l’importance de la con­fi­ance que doivent pou­voir avoir les man­dants dans leurs con­seils, soit que les secrets con­fiés dans le cadre de leur défense ne seront pas trans­mis à la par­tie adverse et util­isés ensuite à leur détri­ment. Cet élé­ment essen­tiel con­tribue égale­ment à la bonne marche des insti­tu­tions judi­ci­aires. A cela s’ajoutent encore la nature pénale de la cause, ain­si que le statut de prévenu de l’intimé dans celle-ci. Par­tant, la bonne admin­is­tra­tion de la jus­tice, ain­si que l’intérêt de l’intimé à avoir une défense exempte de con­flit d’intérêts pri­ment en l’occurrence le droit de la recourante à se voir assis­ter par les deux avo­cats recourants ou par l’un de ceux exerçant au sein de l’étude E.________; en tout état, elle con­serve le choix de ses futurs con­seils.

Martin Rauber

Posted by Martin Rauber

RA Dr. Martin Rauber, LL.M., arbeitet als Rechtsanwalt bei Eversheds Sutherland AG. Zudem steht er als nebenamtlicher Ersatzrichter am Bezirksgericht Horgen im Einsatz. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).