4A_235/2013: Organisationsmängel bei einer Aktiengesellschaft (amtl. Publ.)

In diesem Entscheid musste das Bun­des­gericht die Statuten ein­er Aktienge­sellschaft ausle­gen, welche die Amts­dauer ihrer Ver­wal­tungsräte auf ein Jahr fes­tlegte. Die stre­it­ge­gen­ständliche Statutenbes­tim­mung hielt zudem fest (E. A):

“Les mem­bres du Con­seil d’ad­min­is­tra­tion restent en fonc­tion jusqu’à ce que l’assem­blée générale ait procédé à une nou­velle élec­tion ou qu’elle les ait recon­duits dans leur fonc­tion.”

Ein Stre­it zwis­chen den Aktionären der Gesellschaft (bei­de “Lager” hiel­ten ins­ge­samt je 50 % der Aktien) hat­te zur Folge, dass an der ordentlichen Gen­er­alver­samm­lung unter anderem kein­er der bish­eri­gen Ver­wal­tungsräte wiedergewählt und eben­so kein neuer Ver­wal­tungsrat gewählt wurde. Strit­tig war im Anschluss, ob damit ein Organ­i­sa­tion­s­man­gel im Sinne von Art. 731b OR vor­lag.

Nach­dem das Bun­des­gericht an die Grund­sätze zur Ausle­gung von Statutenbes­tim­mungen erin­nerte (E. 2.3), hielt es mit Bezug auf die fragliche Statutenbes­tim­mung fest, dass das Ver­wal­tungsrats­man­dat nicht erst mit der tat­säch­lichen Wieder- bzw. Neuwahl endet. Vielmehr endet das Man­dat mit ein­er tat­säch­lich vorgenomme­nen Wahl der Ver­wal­tungsratsmit­glieder, unab­hängig von deren Ergeb­nis (E. 2.4):

“la clause n’ex­ige pas l’élec­tion effec­tive de nou­veaux admin­is­tra­teurs, qui rem­plac­eraient ceux alors en fonc­tion; ain­si, le sim­ple fait de procéder à une nou­velle élec­tion (indépen­dam­ment du résul­tat obtenu) devant l’assem­blée générale paraît suf­fire pour met­tre un terme au man­dat de ces derniers.”

Entschei­dend ist — so das Bun­des­gericht weit­er — somit einzig, dass die Gen­er­alver­samm­lung gültig ein­berufen wurde, dass die Wieder- bzw. Neuwahl des Ver­wal­tungsrats ord­nungs­gemäss trak­tandiert wurde und dass die Aktionäre über dieses Trak­tan­dum tat­säch­lich abstimmten (E. 2.5). Indem kein bish­eriges Ver­wal­tungsratsmit­glied oder neue Per­son eine Stim­men­mehrheit auf sich vere­inen kon­nte, habe die Gen­er­alver­samm­lung ihren Willen bei der Kon­sti­tu­ierung der Organe zum Aus­druck gebracht, näm­lich keinen Ver­wal­tungsrat zu wählen. Diesen Willen gelte es zu respek­tieren. Anders zu entschei­den stellt eine Ver­let­zung der unüber­trag­baren Befug­nisse der Gen­er­alver­samm­lung gemäss Art. 698 Abs. 2 Ziff. 2 OR dar (E. 2.6):

“Si l’on admet­tait la valid­ité d’une clause statu­taire prévoy­ant dans ce cas de fig­ure une réélec­tion automa­tique des admin­is­tra­teurs, elle n’au­rait pas seule­ment pour effet de pro­longer tacite­ment le man­dat des admin­is­tra­teurs, mais bien de faire obsta­cle à la volon­té exprimée par l’assem­blée générale. Autrement dit, elle restreindrait le droit (inal­ién­able) de l’assem­blée générale de nom­mer les mem­bres du con­seil d’ad­min­is­tra­tion, ce qui n’est pas admis­si­ble (…).”