Nach Medi­en­be­rich­ten über Carl Hirsch­mann, in denen Hirsch­mann diver­se Cha­rak­ter­män­gel und Ver­hal­tens­wei­sen vor­ge­wor­fen wur­den, klag­te die­ser vor dem Han­dels­ge­richt Zürich gegen Tame­dia, 20 Minu­ten und Espace Media u.a. auf Fest­stel­lung der Wider­recht­lich­keit bestimm­ter Aus­sa­gen, auf Scha­den­er­satz und auf Genug­tu­ung. Das HGer ZH hat­te die Kla­ge teil­wei­se gut­ge­hei­ssen und weni­ge Arti­kel als per­sön­lich­keits­ver­let­zend beur­teilt.

Das BGer hat­te in sei­nem (stel­len­wei­se eher wie eine Rechts­schrift for­mu­lier­ten) Urteil zunächst die Zuläs­sig­keit des Unter­las­sungs­be­geh­rens zu beur­tei­len. Zur Bestim­mung der zu unter­las­sen­den Aus­sa­gen hat­te der Klä­ger bestimm­te Aus­sa­gen anein­an­der­ge­reiht und sodann die Unter­las­sung von Aus­sa­gen “in die­sen For­mu­lie­run­gen oder in ähn­li­chen For­mu­lie­run­gen mit
glei­chem Sinn­ge­halt” ver­langt. Das war laut HGer ZH zu unbe­stimmt. Das BGer wider­spricht:

Dreht sich der Streit um ein Ver­bot künf­ti­ger Medi­en­mit­tei­lun­gen, kann vom Klä­ger nicht ver­langt wer­den, in sei­nem Begeh­ren in allen Ein­zel­hei­ten den Text vor­her­zu­se­hen und aus­zu­for­mu­lie­ren, mit dem das beklag­te Medi­en­un­ter­neh­men sei­ne Per­sön­lich­keit zu ver­let­zen droht […]. Der Klä­ger muss das erwar­te­te rechts­wid­ri­ge Ver­hal­ten also nur der Gat­tung nach, das heisst in einer Wei­se umschrei­ben, die inhalt­lich eine bestimm­te Band­brei­te an ver­bo­te­nen Aus­drucks­wei­sen und For­mu­lie­run­gen erfasst und trotz­dem kei­nen Zwei­fel dar­an lässt, wor­in die befürch­te­te Per­sön­lich­keits­ver­let­zung besteht. 

[…] Sind Rechts­be­geh­ren nach Treu und Glau­ben aus­zu­le­gen, so kann es den Beschwer­de­füh­rern […] nicht zum Nach­teil gerei­chen, wenn ihr Antrag, so wie sie ihn […] for­mu­lie­ren, im Fal­le einer Gut­hei­ssung der Unter­las­sungs­kla­ge nicht wort­wört­lich zum Urteil erho­ben wer­den kann. Erweist sich die Metho­de des Ver­wei­ses auf die Fest­stel­lungs­be­geh­ren, die sich die Beschwer­de­füh­rer zunut­ze machen, für die Nie­der­schrift des Urteils­spruchs als unge­eig­net, so ist es dem Rich­ter ohne wei­te­res zuzu­mu­ten, mit eige­nen Wor­ten das Ver­bot zu for­mu­lie­ren, des­sen Inhalt die Beschwer­de­füh­rer mit ihrem Begeh­ren hier in rechts­ge­nü­gen­der Wei­se vor­zeich­nen.

Das BGer bemerkt fer­ner, dass nicht an der Ver­let­zung “mit­wirkt” und nicht nach ZGB 28 I pas­siv­le­gi­ti­miert ist, wer einen all­ge­mei­nen Link auf eine Web­site setzt, auf der sich per­sön­lich­keis­ver­let­zen­de Inhal­te befin­den. Dies gel­te zumin­dest dann, wenn der Link nicht auf eine eige­ne Web­site oder auf die Web­site eines selbst her­aus­ge­ge­be­nen Pres­se­er­zeug­nis­ses führt. 

Das BGer geht sodann der Fra­ge nach, ob ein öffent­li­ches Inter­es­se an der Bericht­erstat­tung über Hirsch­mann bestehe. Es bejaht die­se Fra­ge, indem es kur­zer­hand Nach­fra­ge und öffent­li­ches Inter­es­se gleich­setzt:

Das Inter­es­se am Tun und Trei­ben die­ser bis­wei­len als
Cer­ve­lat-Pro­mi­nenz” bezeich­ne­ten sozia­len Grup­pe wird von einer Spar­te
der Medi­en­welt bedient, für die Begrif­fe wie Bou­le­vard­jour­na­lis­mus,
Regen­bo­gen­pres­se oder Peop­le­jour­na­lis­mus geläu­fig gewor­den sind. […] Die­ses Gen­re der Medi­en­be­richt­erstat­tung zeich­net
sich beson­ders dadurch aus, dass Akteu­re, Medi­en und Öffent­lich­keit eine
Art Sym­bio­se mit­ein­an­der pfle­gen: Öko­no­misch lohnt sich eine
Bericht­erstat­tung über das beschrie­be­ne Umfeld bzw. die dort
ver­keh­ren­den Leu­te für die Medi­en nur, wenn sie sich auf dem Pres­se­markt
abset­zen lässt
, die frag­li­chen Inhal­te in der wei­te­ren Öffent­lich­keit
also auf Inter­es­se sto­ssen. Die­ses öffent­li­che Inter­es­se wie­der­um hängt
davon ab, dass die Pseu­do-Pro­mi­nen­ten mit schlag­zei­len­träch­ti­gen
Auf­trit­ten, Ereig­nis­sen oder auch nur Gerüch­ten in Erschei­nung tre­ten. […]

Folg­lich sei die Fest­stel­lung des Han­dels­ge­richts rich­tig, dass sich Hirsch­manns 
Pri­vat­sphä­re enger bemisst als jene eines
unbe­kann­ten Zeit­ge­nos­sen, auch wenn Hirsch­mann weder eine abso­lu­te noch eine rela­ti­ve Per­son der Zeit­ge­schich­te sei.

Sodann beur­teilt das BGer eini­ge wei­te­re Arti­kel als per­sön­lich­keits­ver­let­zend, im Wesent­li­chen aus fol­gen­den Grün­den:

  • Spe­ku­la­ti­ve Unter­stel­lun­gen aus Sen­sa­ti­ons­gier, die “bei allem Ver­ständ­nis für die Lust brei­ter Gesell­schafts­schich­ten an Spe­ku­la­tio­nen über den Lebens­wan­del der Bou­le­vard­pro­mi­nenz”;
  • eine unge­wis­se Tat­sa­che wird als gege­ben dar­ge­stellt, was der Ver­brei­tung einer Unwahr­heit gleich­kom­me bzw. die Unschulds­ver­mu­tung ver­let­ze.

Schliess­lich weist das BGer den Fall ans HGer ZH zurück, das zu prü­fen hat, ob Hirsch­mann durch “Mas­se, Inten­si­tät und All­ge­gen­wär­tig­keit” der Bericht­erstat­tung in sei­ner Per­sön­lich­keit ver­letzt wur­de und ob ein Genug­tu­ungs­an­spruch besteht.

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.