Im vor­lie­gen­den, zur amt­li­chen Publi­ka­ti­on vor­ge­se­he­nen Urteil befass­te sich das Bun­des­ge­richt mit der Fra­ge, ob eine liech­ten­stei­ni­sche AHV-Ren­te in der Schweiz den glei­chen Pfän­dungs­schutz geniesst wie die schwei­ze­ri­sche AHV-Ren­te (sie­he Art. 92 Abs. 1 Ziff. 9a SchKG). Dem Urteil lag fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de:

Das Betrei­bungs­amt hat­te die liech­ten­stei­ni­sche AHV-Ren­te von A. im Betrag von Fr. 41.15 pro Monat gepfän­det, woge­gen A. sich zur Wehr setz­te. Schliess­lich gelang­te A. (ohne anwalt­li­che Ver­tre­tung) ans Bun­des­ge­richt und ver­lang­te u.a. die Fest­stel­lung der abso­lu­ten Unpfänd­bar­keit der liech­ten­stei­ni­schen AHV-Ren­te.

Das Bun­des­ge­richt erwog u.a., dass Art. 92 Abs. 1 Ziff. 9a SchKG die abso­lut unpfänd­ba­ren Lei­stun­gen prä­zi­se benen­ne und aus­län­di­sche Ren­ten im Wort­laut nicht vor­kom­men. Eine an Sinn und Zweck ori­en­tier­te Aus­le­gung wer­de dadurch jedoch nicht aus­ge­schlos­sen (E. 2.4). In der Fol­ge (E. 3) prüf­te das Bun­des­ge­richt, inwie­fern das EFTA-Über­ein­kom­men und die VO 883/2004 rele­vant sei­en. Es kam jedoch zum Schluss, dass sich die Unpfänd­bar­keit der liech­ten­stei­ni­schen AHV-Ren­te schon aus einer an Sinn und Zweck ori­en­tier­ten Aus­le­gung von Art. 92 Abs. 1 Ziff. 9a SchKG erge­be.

Da die liech­ten­stei­ni­sche AHV-Ren­te nicht im Wort­laut von Art. 92 Abs. 1 Ziff. 9a SchKG auf­ge­führt wird, unter­such­te das Bun­des­ge­richt, ob eine Lücke oder qua­li­fi­zier­tes Schwei­gen vor­lie­ge. Auf­grund der Mate­ria­li­en kön­ne jedoch nicht auf qua­li­fi­zier­tes Schwei­gen geschlos­sen wer­den (E. 4.3). Das Bun­des­ge­richt befand fer­ner, dass die Syste­me der Alters­vor­sor­ge in der Schweiz und in Liech­ten­stein ähn­lich auf­ge­baut sei­en, und dass die liech­ten­stei­ni­sche AHV-Ren­te von A. “gleich­ar­tig” zur schwei­ze­ri­schen AHV-Ren­te sei (E. 4.4).

Schliess­lich fol­ger­te das Bun­des­ge­richt (E. 4.6):

Zusam­men­fas­send ste­hen der vom Gesetz­ge­ber ver­folg­te Zweck sowie das Gebot der ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung einer mass­geb­lich auf den Wort­laut gestütz­ten Inter­pre­ta­ti­on ent­ge­gen, wonach die Quo­te unpfänd­ba­ren Ein­kom­mens davon abhän­gen soll, ob die Alters­ren­te der ersten Säu­le aus Erwerbs­tä­tig­keit in Liech­ten­stein oder aus natio­na­ler Erwerbs­tä­tig­keit her­rührt. Ent­spre­chend ist […] Art. 92 Abs. 1 Ziff. 9a SchKG über deren strik­ten Wort­laut hin­aus grund­sätz­lich auch auf die liech­ten­stei­ni­sche AHV-Ren­te aus­zu­deh­nen.“

Ein Vor­be­halt wur­de ledig­lich ange­bracht für den Fall, dass die liech­ten­stei­ni­sche AHV-Ren­te mit der in der Schweiz bezo­ge­nen AHV-Teil­ren­te und gege­be­nen­falls wei­te­ren unpfänd­ba­ren aus­län­di­schen Alters­grund­ren­ten den Betrag der schwei­ze­ri­schen maxi­ma­len AHV-Ren­te über­stei­gen wür­de.

Die Beschwer­de wur­de dem­nach gut­ge­hei­ssen.

Lukas Wiget

Posted by Lukas Wiget

RA Dr. Lukas Wiget, LL.M, ist als Rechtsanwalt bei Blum&Grob Rechtsanwälte AG tätig. Nach dem Studium an der Universität Zürich arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Assistent, später am Bezirksgericht Horgen und in einer grösseren Zürcher Wirtschaftskanzlei. Das LL.M.-Studium absolvierte er in Sydney an der University of New South Wales.